Im Lichte des Textmengen-Paradox

Dr. Michael Blume (@BlumeEvolution@sueden.social), für mich der zur Zeit rührigste schreibende und diskutierende Aktivist des Wahren, Richtigen und Guten, schreibt über die Problematik des Wissenerwerbs, des Lesens und des Schreibens in heutigen Zeiten nicht mehr bewältigbarer Veröffentlichungsflut.

Das Textmengen-Paradox beschreibt einen wesentlichen Effekt der stetigen Zunahme geschriebener Texte mindestens seit Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern:

Umso mehr Worte publiziert wurden, umso weniger konnten sie alle gelesen werden. Wer heute Philosophie studiert, kann die wenigen Seiten über das Todesurteil des Sokrates noch lesen, aber unmöglich alle großen Texte des 20. Jahrhunderts. 

https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-bloggen-gegen-das-textmengen-paradox/

Seit rund dreißig Jahren trägt das Internet mit seinen vielfältigen Publikationsformen zu dieser nicht mehr zu bewältigenden Textmenge bei. Keine Fachwissenschaftler, keine privat interessierten Lesenden sind heute in der Lage, auch nur einen befriedigenden Ausschnitt dessen zu lesen, was sie interessiert.

Dialog und Kommentar

Nach Blume tritt nun das Dialogische, vor allem das Element des schriftlichen Diskurses stärker in den Vordergrund, das einerseits zurückreicht in die griechische Antike, in eine Zeit vergleichsweise geringer Schriftlichkeit, das andererseits in unserer Zeit an Bedeutung gewonnen hat über Blogs und über »Soziale Medien«.

Er sieht für heutige Formen des Diskurses und der Wissensvermittlung eine vielfältige Rolle bei Blogs und gerade im nicht-kommerziellen Rahmen des Fediverse.

Suchen, Finden, Ordnen

Er stellt einen interessanten Zusammenhang her zwischen dem Suchen und Finden von Informationen (Suchmaschinen), dem Lesen und Schreiben sowie den dialogischen Instrumenten zum Austausch in den Fediverse-Diensten und dem Lesen und Kommentieren in der Welt der Blogs.

Beginnend heute und um so mehr zukünftig mögen »KI«-basierte Dialogsysteme hilfreich sein bei der Suche, bei der Einordnung und zusammenfassenden Aufbereitung von Information, von Wissen.

So weit meine interessierte Zusammenfassung im Sinne eines educated feedbacks – aber ich habe noch einen Aspekt, eine Facette hinzuzufügen, die mich schon vor zahlreichen Jahren einmal beschäftigt hat, und die mit dem Textmengen-Paradox unmittelbar verbunden ist.

Was kann ich wissen?

Im Sinne dieser Betrachtungen formuliert: alles, was in meine Lebenszeit als denkendes, verstehendes und kommunizierendes Wesen hineinpasst.

Die gestellte Frage ist die erste von drei zentralen Fragen der Erkenntnis, die Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft stellt:

  • Was kann ich wissen?
  • Was soll ich tun?
  • Was darf ich hoffen?

(Die vierte Frage – Was ist der Mensch? – formuliert Kant erst etwas später in seinen Vorlesungen)

Ich möchte einen weiteren philosophischen Bonmot-Klassiker hinzuziehen:

Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.

Alfred North Whitehead in Prozess und Realität, zitiert nach Wikipedia

Ich weiß nicht, aufgrund welcher Erkenntnisse und Argumentationen Whitehead zu dieser Bemerkung gelangte, allerdings hat sie sich längst zu – eben – einem gefälligen Bonmot in Philosophenkreisen verselbstständigt. Das ist hier auch nicht der Punkt. Tatsächlich steckt ein interessanter Kern in dieser Bemerkung, der für meine Betrachtung hilfreich ist.

Ich formuliere Kants erste der drei Fragen etwas um, mit gebotenem Respekt vor dem großen Philosophen. Denn am Ende betreffen sie alle drei unser Thema unmittelbar, im Sinne der Erkenntnisfrage.

Was soll ich wissen?

Das Textmengen-Paradox führt uns, nicht zuletzt Dr. Michael Blume und mich, irgendwann zu der Frage der Relevanz und Bedeutung von Wissen respektive von Informationen. Egal, mit welchem Thema ich mich beschäftige, ob als institutionell oder ganz privat forschender Mensch, ich muss mehr denn je auswählen und entscheiden, welche Arbeiten oder Bücher ich lese, welche Medien ich rezipiere, um mir ein befriedigendes Bild von einer Sache zu machen.

Ich muss auswählen und bewerten, ich muss selbst kanonisieren, um vom Was kann ich wissen? zum Was soll ich wissen? zu gelangen.

In den Wissenschaften gibt es Kanonisierungen über die verschiedenen Publikationsformen und -Kanäle. Forschungsarbeiten gehen bestimmte Wege der Publikation und Rezeption, und in jeder Disziplin gelten bestimmte Arbeiten als kanonisch. Der interessierte Laie steht eher hilflos da: Was soll ich lesen, was nicht? Wie und wo soll ich meine eigenen Gedanken formulieren?

Ich muss meine eigene Zeit widmen, muss bewerten und auswählen. Ich kann mir eine durchaus befriedigende Grundlage für einen rein privaten Einstieg in die Quantenmechanik verschaffen, indem ich ein gehöriges Stück weit dem weitverzweigten Artikelnetz in der Wikipedia folgen. Ich kann verschiedenen Wissenschaftsblogs und Youtubekanälen seriöser Forscher und Wissenschaftsjournalisten folgen, um mir ein profundes Bild vom menschengemachten Klimawandel und dem vernünftigen, folgenorientierten Umgang damit zu verschaffen.

Ich muss auch gar nicht alle Fußnoten, im Sinne Whiteheads, zur Kenntnis nehmen, wenn es zu einem Fachgebiet bereits kanonisierte Erkenntnis gibt. Was wiederum eine Frage meiner Einschätzung und Bewertung sein kann.

Hierfür benötige ich – und damit schließe ich den Kreis – gegebenenfalls Diskurs und Dialog. Wir sind alle auf dem Weg zu Wissenserwerb und Erkenntnisgewinn nicht allein. Wir können die Möglichkeiten nutzen, die Michael Blume skizziert und praktiziert.

Wir können lesen und schreiben, und wir können partizipieren auf den Plattformen, die uns zur Verfügung stehen. Wir können im Dialog Informationen finden und weitergeben, wir können auf diese Weise Wissen selbst ein Stück weit kanonisieren. Wir werden möglicherweise sogar in der Lage sein, zeitgemäße persönliche und vielleicht sogar gesellschaftliche Antworten auf Kants Fragen zu finden: Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen?

Am Ende ist auch das Internet das, was wir daraus – für uns – machen.


Kommentare

5 Antworten zu „Lesen, Schreiben, Wissen“

  1. Was für ein dialogisch starker Blogpost, vielen Dank! 🙏

    Als Angesprochener kann ich hier nur zustimmen & ergänzen: Wir „können“ nicht nur digital kanonisieren, wir sollten auch unsere entsprechende Verantwortung wahrnehmen.

    Denn wenn wir mit dem dialogischen Monismus von einer grundlegenden, gemeinsamen Realität ausgehen, dann hat ein wissenschaftlicher Text samt der Wahrnehmung seiner Grenzen eine höhere Dignität als etwa eine relativistische oder gar verschwörungsmythologische (also feindselig-dualistische) Behauptung. Dann wäre die aktive, also kritisch-konstruktive Mitwirkung an der KI-Medienrevolution nicht nur eine Chance, sondern auch eine Aufgabe. Wie es damals auch der Buchdruck war, nur heute noch sehr viel schneller…

  2. Ich fühlte mich besser, als ich noch eine Tageszeitung abonniert hatte und maximal eine Nachrichtensendung im TV (ARD oder ZDF) pro Tag konsumiert. Heute lasse ich über eine App im iMac meine Verweilzeit (App und Webaktivität) am PC messen und wundere mich darüber, dass trotz der Erkenntnis kein Wille nach Begrenzung aufflammte. Als Rentner sind meine Interessen zwar vielseitig, aber letztlich kreisen sie stark ums Internet. Wohl auch deshalb, weil meine Trägheit mehr nicht zulässt.

    Texte zu lesen, die nicht auf irgendeine Weise kuratiert wurde, kommt in meinem Fall vermutlich kaum vor. Selbst meine Feed-Sammlung ist nichts anderes als eine Auswahl, die ich allerdings selbst getroffen habe.

    Ich weiß, dass ich nichts weiß, ist ja nicht gerade eine neue Erkenntnis. Je größer das Angebot an Wissen und an abgeleiteten Gedanken, desto unsicherer fühle ich mich.

    1. tja, manche ändern sich nie 😉

      1. Sie müssen es wissen.

    2. „Als Rentner sind meine Interessen zwar vielseitig…“
      Wo bildet sich das ab, Horst?
      interessen müssen gelebt werden.
      wenn die app sagt: du warst unendlich lang am pc…und die blumen im garten lassen die köpfe hängen,die freunde rufen nicht mehr an,der jazzstammtisch kennt nicht mehr deinen namen,die ortsgruppe des Naturschutzbundes plant ohne dich seine Aktivitäten, beim Schach verwechselst du plötzlich springer und läufer…😉

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