Erinnerungen an die Vergangenheit

Erich von Däniken ist tot. (1935 – 2026)

Ich würde das hier garantiert nicht thematisieren, wenn es in Zusammenhang mit diesem Menschen nicht ein für mich bedeutsames erinnernswertes Erlebnis in meiner frühen Jugend gegeben hätte.

Etwa ab 1969-70, also im Alter von ca. neun bis zehn Jahren, habe ich begonnen, Bücher zu lesen, die mit Technik, Naturwissenschaft, Raumfahrt zu tun hatten. Vielleicht erinnern sich einige in vergleichbarem Alter z.B. an die Kinder- und Jugendbuchreihe »Was ist was« des Tessloff-Verlags.

Zur selben Zeit begann auch meine literarische Vorliebe für Science Fiction, damals oft noch Zukunfts-Literatur, Zukunfts-Geschichten oder Zukunftsromane genannt.

Es muss irgendwann um 1973 gewesen sein, dass mein älterer Cousin, mit dem ich zuvor schon über SF-Geschichten gesprochen hatte, mir ein Buch mitbrachte von einem Autor, den ich nicht kannte: Erich von Däniken, Erinnerungen an die Zukunft (1968).

Im Zusammenhang damit hatten wir uns über die Möglichkeit außerirdischen intelligenten Lebens unterhalten und darüber, ob uns vielleicht irgendwann Außerirdische besuchen könnten – oder vielleicht sogar schon besucht haben?

Mein Cousin lieh mir das Buch mit dem Hinweis, dass es sich zwar läse wie ein Roman, es aber ein Sachbuch sei. Ich solle es einfach mal lesen, mir Gedanken darüber machen und wir würden uns bei nächster Gelegenheit darüber unterhalten, was davon zu halten sei.

Das tat ich. Ich verschlang das Buch, weil es sich wirklich gut und spannend las. Die Ereignisse und Relikte aus frühen menschlichen Epochen, die Däniken vorstellte, faszinierten mich. Ich hatte zuvor noch kaum von den »Nazca-Linien« (und Tierbildern in der Landschaft) gehört, nichts von Inka-Skulpturen, die wie kleine Männer in Raumanzügen samt Helm auszusehen schienen, vom Rätsel, wie die großen Pyramiden Ägyptens von den Ägyptern überhaupt hatten gebaut werden können. Und, und, und.

Seine Thesen fand ich spannend — aber nicht überzeugend.

Genau das berichtete ich schließlich meinem Cousin, und er freute sich darüber, dass mir die Lektüre Spaß gemacht hatte UND dass ich von Dänikens Thesen und Argumente nicht überzeugend fand.

Warum aber… war dann unser spannendes Gesprächsthema.

Wissenschaftlich Denken

Ich war damals schon naturwissenschaftlich »vorbelastet«, durch viele Bücher, aber auch durch Hoimar von Ditfurths »Querschnitt« im ZDF. Deswegen überzeugte mich die grundlegende Struktur von Dänikens Argumentationen nicht, die grob etwa folgendermaßen aussieht:

  1. Wir (heute) wissen von einem Ereignis, einer Errungenschaft, einem Artefakt A einer früheren menschlichen Epoche
  2. Wir können uns (heute) wissenschaftlich nicht erklären, wie, warum oder wozu unsere Vorfahren A geschaffen haben
  3. Wir (heute) vermuten (behaupten), dass unsere Vorfahren nicht über das notwendige Know-how, die notwendige Technologie und nicht über die notwendige intellektuelle Entwicklungsstufe verfügten, um A schaffen zu können.
  4. Ergo muss es eine außerhalb von uns gelegene Entität gegeben haben, die unsere Vorfahren angeleitet hat oder sie technologisch dazu in die Lage versetzt hat, A zu schaffen:
  5. Eine (oder mehrere) außerirdische Zivilisation, zur interstellaren Raumfahrt befähigt, die unserem Planeten Erde dereinst ein- oder mehrmals Besuch abgestattet haben.

Das ist schlicht Unsinn.

Wissenschaftlich ist es schon gar nicht. Warum?

Punkte 1. und 2. sind völlig unstrittig. Sie beschreiben unsere Erkenntnislage, wie sie ist.

Punkt 3. beschreibt

Kontrafaktische Behauptungen

Und zwar auf der Basis von Nicht-Wissen bzw. falschen Annahmen und Spekulation.

Es ist eine kontrafaktische Behauptung, zu sagen, dass die Ägypter die Pyramiden nicht alleine gebaut haben können, weil sie es eben nicht gekonnt hätten. Alle Fakten, über die wir verfügen, zeigen, dass sie es getan haben, kein einziger Fakt sagt, dass sie dazu »fremde« Hilfe in Anspruch nehmen mussten.

Dasselbe gilt für die Nazca-Linien und Tierbildnisse in derselben dortigen Landschaft in Peru. Heute wissen wir (1968 wohl noch nicht), dass all diese sonderbaren Liniengebilde über einen Zeitraum einer Groß-Epoche von rund 1400 Jahren Dauer(von ca. 800 v.Chr. bis ca. 600 n.Chr.) geschaffen wurden. Also einem zeitlichen Umfang, der knapp dem des Römischen Reiches entspricht. Die also gleichzeitig residierenden Römer bauen Wasserleitungen, die über mehrere Hundert Kilometer bei nur minimalem Gesamtgefälle zuverlässig für Jahrhunderte frisches Wasser in die Städte führen. Sie bauen kilometerlange schnurgerade verlaufende Straßen, was beides heute zu Recht immer noch als grandiose Ingenieurleistung gilt.

Ab dem Zeitraum etwa 600 Jahre später entstehen in Mitteleuropa die großen gotischen Kathedralen.

Seit dem Beginn der ersten Neolithischen Revolution (Jungsteinzeit) vor rund 11.500 Jahren entstehen zügig die ersten frühen Hochkulturen unserer Zivilisation. Davor liegen ca. 300.000 Jahre biologische Geschichte unserer Art Homo sapiens, »gewürzt« mit Prisen von Homo neandertalensis und wahrscheinlich auch Denisova-Menschen.

Entscheidend ist, dass wir heute unseren Vorfahren seit rund 300.000 Jahren anatomisch gleichen – und auch über dasselbe Gehirn verfügen. Spätestens mit dem Beginn der Neolithischen Revolution, gleichzeitig dem Beginn der Sesshaftwerdung teilen wir alle dieselbe Kulturgeschichte – in den jeweilig spezifischen regionalen Ausprägungen.

Unsere Vorfahren waren so intelligent wie wir, sie verfügten über dieselben Möglichkeiten des Verstandes wie wir. Spätestens seit rund 11.500 Jahren jedoch setzte eine kaum zu überschauende Diversifizierung unserer Kulturen ein, so dass wir uns heute von unseren Vorfahren unterscheiden durch mehr als 11.000 Jahre Kultur-, Sprach- und Erkenntnisgeschichte. Und daraus folgend durch einen ebenso langen Verlauf von Wissenschafts- und Technikgeschichte.

Natürlich konnten die Ägypter ihre Pyramiden selbst bauen, sie hatten nämlich die erforderlichen intellektuellen Fähigkeiten dazu. Sie hatten die erforderliche Mathematik dafür, die notwendigen Fähigkeiten zur Abstraktion, sie hatten die astronomischen Kenntnisse und die ingeniösen und handwerklichen Möglichkeiten. Sie hatten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür und ein dies alles umfassendes Weltbild, dass sie in die Lage versetzte, sich ihre Welt mit Pyramiden vorzustellen.

Dasselbe gilt für die Völker, die die großräumigen geometrischen und figürlichen »Wunder« in die Nazca-Landschaft setzen ließ.

Interessant bleibt, jedenfalls bis auf weitere Erkenntnis, über die wir sicher irgendwann verfügen werden, dass wir bis heute nicht wirklich zuverlässig wissen, wie die Ägypter ihre Pyramiden tatsächlich errichtet haben. Das liegt aber lediglich an der nicht ausreichend vorhandenen Überlieferungsgeschichte. Die Geschichtsschreibung beginnt erst später.

Kontrafaktisch versus (prä-) historisch faktisch

Es ist an keiner einzigen Stelle in der Geschichte der Menschheit erforderlich, außerirdische intelligente, raumfahrende Lebensformen quasi als Hilfesteller oder Initialzünder für menschliche Errungenschaften einzufügen.

Punkt 3. der obigen Argumentationsfolge erledigt sich, weil schlicht keinerlei derartige Annahme notwendig ist.

Wissenschaftliche Fragen müssen zu gegebenen Zeiten einfach offen bleiben (können), weil wir grundsätzlich immer mehr Fragen stellen als beantworten können.

Das ist ein fundamentales Grundprinzip von Erkenntnis.

Im Zuge wissenschaftlicher Erkenntnis bleiben unbeantwortete Fragen einfach so lange offen, bis sie beantwortet werden können. Andernfalls würden Hypothesen- und Theoriebildung kaum einen Sinn ergeben. (Dies ist übrigens ein gewichtiger Teil dessen, was wir gewöhnlich »Forschung« nennen)

Absolute Formulierungen wie »kann wissenschaftlich nicht erklärt werden« sind im (jeweiligen) wissenschaftlichen Zusammenhang unsinnig, ja sogar falsch. Sogar unlogisch, denn sie würden einen wissenschaftlichen Erkenntnisstand voraussetzen, der über den verfügbaren Stand hinausgeht.

Punkte 4. und 5. sind damit argumentativ vom Tisch, weil völlig überflüssig. Das hat einen wissenschaftlich-praktischen Grund.

Das Sparsamkeitsprinzip

Auch Ockhams Rasiermesser genannt.

Selbst, wenn die o.g. Argumentation aus dem Blick der Erkenntnisgeschichte des Menschen nicht in Betracht gezogen würde, wären die Punkte 4. und 5. ungültig, weil sie reine Ad-hoc- Annahmen respektive bloße Behauptungen von außerhalb des betreffenden wissenschaftlichen Erkenntnisfeldes darstellen.

Anzunehmen, zu behaupten, dass außerirdische intelligente Lebensformen in den Lauf der Dinge der Menschheit eingegriffen hätten, ist nichts weiter als eine ad-hoc-Annahme, ohne jede empirische Grundlage. Es gibt keine gültigen Tatsachen-Schlussfolgerungen heraus aus bestenfalls rein statistischen Überlegungen wie z.B. der Drake-Gleichung (oder Formel).

Im Wikipedia-Artikel zu »Erinnerungen an die Zukunft« stellt von Däniken wohl eine der Drake-Gleichung ähnliche Wahrscheinlichkeits-Berechnung vor (von Willy Ley). Ich kann mich selbst nicht mehr aus der Lektüre des Buchs von vor rund fünfzig Jahren daran erinnern, wie diese Gleichung aussieht und schlage das jetzt auch nicht nach, weil das gar nicht notwendig ist. Aus statistischen Berechnungen folgen keine empirischen Annahmen. Höchstens vielleicht Glaubens-Überzeugungen.

Das Sparsamkeitsprinzip, folgend aus den scholastischen Überlegungen von William von Ockham (1288–1347) besagt, kurz gesagt in seinen (übersetzten) Worten: »Nichts darf man ohne eigene Begründung annehmen, es sei denn es sei evident oder aufgrund von Erfahrung gewusst oder durch die Autorität der Heiligen Schrift gesichert.«

In die Wissenschaftstheorie übergegangen ist das Prinzip als Ockhams Rasiermesser, indem es besagt, dass man einer Theorie keine (zusätzlichen) Annahmen hinzufügen soll, die weiterer außerhalb ihrer selbst liegenden Begründungen bedarf.

Und »Außerirdische« bedürfen einer solch nicht fassbaren Zahl zusätzlicher wissenschaftlicher Annahmen, zur Zeit gar nicht begründbarer Hypothesen und ebenfalls zur Zeit gar nicht vorhandener empirischer Grundlagen, dass ihre Einführung als Erklärungsmodell ganz einfach un-wissenschaftlichen Unsinn darstellen.

Und das gilt noch heute, mehr als fünfzig Jahre später.

Ganz unabhängig davon, dass Erich von Däniken daraus womöglich einfach ein für ihn unglaublich lukratives Geschäftsmodell geschaffen haben mag.

Die Ahnung eines jugendlichen Wissenschafts-Fans

Ich konnte das alles damals, Anfang der Siebzigerjahre, noch nicht so klar ausformulieren wie heute, aber im Grunde wusste ich, dass es sich so verhält. Das spätere Gespräch mit meinem Cousin ergab für uns beide all das, mit einem fragenden und forschenden Sinn, als quasi vor-wissenschaftliche Gewissheit.

Vor-wissenschaftlich deswegen, weil wir beide keine Fachwissenschaftler auf einem der betroffenen Gebiete geworden sind. Wir sind informierte und interessierte Laien geworden und geblieben. Menschen, die den Wert und die Arbeitsprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens für das eigene Denken und Argumentieren zu schätzen gelernt haben, die nach empirischen Belegen für bloße Behauptungen fragen und die bloße ad-hoc-Annahmen und darauf basierende Argumentationen ablehnen, es sei denn, dass sie als reine Gedankenspielereien formuliert wären, aus unseren geistigen Möglichkeiten heraus, fiktive, fiktionale Welten zu schaffen.

Außerirdische Intelligenzen haben ihren Sinn und ihre Berechtigung in Literatur und Film, und wir haben die Fantasie, sie uns auszumalen.

Wir können wissenschaftlich fundiert fragen, ob es sie geben kann, ob sie uns in irgendeiner denkbaren Weise ähnlich sein könnten, ob wir möglicherweise irgendwann mit einer außerirdischen Zivilisation in Kontakt kommen können. Und vieles mehr.

Wir sollten SIE jedoch nicht ad-hoc missbrauchen, um unsere jederzeit – in allen Wissenschaften – vorhandenen Erklärungslücken zu stopfen.

Es gibt immer, zu jeder Zeit, mehr offene Fragen als Antworten, denn das ist schlicht logisch. Jede wissenschaftliche Antwort eröffnet weitere neue Fragen.

Nur Glaube liefert sichere Gewissheiten, sichere Antworten. Aber zumindest die großen Religionen stellen neben die Gewissheit — den Zweifel.

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