Ein kurzer politischer Kommentar
Der Spitzenkandidat der SPD für die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Armin Willingmann, hat offensichtlich ein Perspektiven-Problem, das wohl tief im antisozialen neoliberalen Fundament seiner Partei seit Schröder/Clement u.a. verankert ist (und auch heute noch von der Parteiführung präferiert wird).
Dass es eine »hart arbeitende Mittelschicht«1) gibt in ausdrücklicher Abgrenzung zu »Beziehern staatlicher Leistungen«, um die sich die SPD angeblich nicht gekümmert hat, ist ziemlich vielsagend für die charakteristische Perspektive, aus der heraus Willingmann unsere Gesellschaft betrachtet. Es fällt schon auf den ersten Blick auf, dass Willingmann eine – vermutlich nicht ausreichend hart arbeitende? – Unterschicht aus Arbeitern, einfachen Handwerkern, Angestellten und Beschäftigten, geringfügig Beschäftigten, vielleicht noch einfachen Landwirten gar nicht einbezieht, obwohl gerade die in einst glorreicher SPD-Vergangenheit die wesentlich von der Partei vertretenen Gruppen darstellten.
Aus der Perspektive eines zeitlebens (?) großzügig nicht leistungsbemessen alimentierten Akademikers in dauerhaft hoher politischer Laufbahn, eines Angehörigen einer ökonomisch bestausgestatteten Oberschicht mit zahlreichen großzügigen lebenserleichternden Zulage-Möglichkeiten, die unser Staat Spitzen-Steuersätzlern bietet, muss Willingmann andere gesellschaftliche Schichten gar nicht wirklich kennen. Sie müssen lediglich im politischen Sprachmodell seiner gesellschaftlichen Sphäre Meme-wirksam für politische Ab- und Ausgrenzungsspielchen verfügbar sein.
Seine Partei hat tatsächlich in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt niemals die großen Teile der Bevölkerung unterstützt, die ich soeben zitatweise und selbst formuliert nannte, geschweige denn die Bezieher staatlicher Leistungen, die zu großen Teilen vermutlich schlicht Opfer verfehlter Politik in den einstmals neuen Bundesländern sind.
Die SPD in Sachsen-Anhalt muss sich mit den Wirrungen in der Nähe der Fünf-Prozent-Hürde beschäftigen, weil sie tatsächlich keine größere gesellschaftliche Gruppe respektive Schicht dort glaubwürdig vertritt. Und nie vertreten hat.
Wenn Willingmann sagt, dass die Partei(en) »einsehen müssen, dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist und wir uns kümmern sollten«, dann zeugt das von ziemlicher Ignoranz – jahrelang oder gar Jahrzehnte lang nicht zu erkennen, dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist?
Wie bitte?
Was haben die Herrschaften in den Parteien die ganze Zeit gemacht, wenn nicht sich gekümmert? Sich an den Pfründen nicht leistungsbemessener Einkommen gelabt? Ihr Dasein in der gut abgesicherten oberen Riege der Gesellschaft genossen?
Wenn es angesichts des anstehenden Wahldebakels nicht zu ein bisschen mehr, und zwar wirklich inhaltlicher Erkennntnis reicht, und das nach mehr als fünfunddreißig Jahren, dann ist auch Armin Willingmann Teil des Problems, nicht Teil einer Lösung.
1)Diese und alle weiteren zitierten Passagen nach Frankfurter Rundschau vom 22.06.2026, Artikel S. 5 ‚Zu lange weggeschaut‘
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